07.01.2018

Buchempfehlung: "Etappen einer Flucht: Tagebuch einer Dolmetscherin" von Nermin Ismail


240 Seiten


Webseite zum Buch: etappeneinerflucht.com


Beschreibung auf amazon:

Es sind Namenlose, die fast täglich im Mittelmeer ertrinken. Es sind Namenlose, die zu uns „in Strömen“ nach Europa kommen. Und es sind Namenslose, die hier ein neues Zuhause suchen. Namenlos, weil unbekannt. Namenlos, weil oft unzugänglich. Wir sprechen viel über sie, sie selbst kommen selten zu Wort. Eine anonyme Menschenmasse, die keiner versteht, die keiner kennt. Über die aber viele etwas zu wissen scheinen. Nermin Ismail lässt diese Menschen zu Wort kommen. „Etappen einer Flucht“ begleitet Menschen und Menschengruppen auf ihrem Weg nach Europa. Die Autorin arbeitete monatelang freiwillig und unbezahlt als Übersetzerin für Flüchtlinge aus dem arabischen Raum in Deutschland, Österreich, Slowenien, Ungarn, Griechenland und der Türkei. In diesem Buch übersetzt sie die Geschichten und Schicksale einzelner Menschen in umgekehrte Richtung, um sie den deutschsprachigen Lesern näher zu bringen. Der Fotograf Simon Van Hal ist mit seiner Kamera dabei.


nerminismail.com/ueber-mich sagt über Nermin Ismail:

Nermin Ismail ist Journalistin und Autorin in Wien.

Sie hat einige Jahre für diverse Tageszeitungen geschrieben. Jetzt arbeitet sie hauptberuflich beim Österreichischen Rundfunk (ORF). Nach einigen Monaten bei ServusTV in Salzburg, absolvierte sie eine Videojournalismus-Ausbildung an der Fachhochschule Wien und ist Akademische Videojournalistin. 2015/2016 hat sie am Traineeship „ORF-Akademie“ teilgenommen.

Nermin Ismail ist studierte Politologin und hat ebenso Pädagogik studiert. 2012/2013 hat sie am Journalistenkolleg der Österreichischen Medienakademie teilgenommen und die Journalistenausbildung erfolgreich absolviert. Momentan sie macht ihr PHD im Bereich der Sozialwissenschaften an der Universität Wien.

Die Journalistin ist auch Buchautorin. Sie hat 2016 ihr zweites Werk „Etappen einer Flucht- Tagebuch einer Dolmetscherin“ veröffentlicht. Darin erzählt sie die Geschichten mehrerer Menschen, denen sie am Weg nach Europa und in Europa begegnet ist.


Meine Meinung:

Dieses Buch ist eine harte Kost. Natürlich geht es nicht um ein besonders fröhliches Thema. Aber ich bin froh, es gelesen zu haben, denn obwohl man als Europäer mit dem Thema "Flüchtlingskrise" bombardiert wird, und es drei Millionen Bücher dazu gibt, so habe ich bis jetzt wenig darüber gefunden, wie die "Reise" nach Europa an sich von statten ging. Es zeigt uns einmal mehr, dass Flüchtlinge nicht einfach dachten "So, ich gehe jetzt nach Europa" und in ein Schiff oder so stiegen, sondern dass es eine unfassbar anstrengende, gefährliche und vor allem auch lange Odyssee war. Und dass man einen Grund haben muss, wenn man so etwas auf sich nimmt.

Man erfährt viel über die Gedanken und Gefühle der Geflüchteten (zum Beispiel über den IS, ihre Heimatserinnerungen oder die Reaktionen der europäischen Staaten auf ihre Anwesenheit), denn die Autorin hat viele Gespräche geführt. Die Gedanken, die die Autorin mit den Lesern teilt, sind tiefgründig und wertvoll. Wie sie zum Beispiel per Schiff die Grenze passiert, um weiterzureisen. Die selbe Grenze, die die Flüchtlinge überqueren. Sie sinniert darüber nach, wie einfach es für sie ist,  das zu tun - ganz ohne Lebensgefahr und sogar mit etwas Komfort. Weil sie einen Pass hat. "Ich kann vom Deck unten runtergehen und einen Tee trinken. Sie können gar nichts machen. Und was, wenn ihr Boot kentert? Was passiert dann? Wahrscheinlich nichts. Mir wird kälter bei dieser Vorstellung. Ich wundere mich, wie einfach es ist, diese Grenze zu passieren. Diese Grenze, für die Menschen täglich ihr Leben aufgeben." (S. 65)

Es ist ein Plädoyer dafür, die Gleichheit in der Menschenwürde zu sehen, denn wie Nermin betont, wir haben nichts dazu beigetragen, dort geboren worden zu sein, wo wir geboren wurden. Selbst, wenn es diese Entscheidung geben würde, kann niemand voraussehen, wo es einmal Krieg geben wird. Man realisiert wieder einmal, wenn man darüber nachdenkt: Ich hätte einer von ihnen sein können, die in Dreck und Müll hocken, wenn sie nicht gerade in Lebensgefahr sind. Dass das nicht der Fall ist, ist Zufall. Wir würden uns auch wünschen, dass man uns hilft, wenn wir in solch einer Situation wären.

"Etappen einer Flucht" ist ein Buch über Helden. Sowohl die ehrenamtlichen Helfer, die sich den A*sch aufgerissen haben - aus MENSCHENLIEBE. Und auch die Geflüchteten, die MUTIGER waren als Protagonisten des neuesten Thriller-Bestsellers. Und die oft trotzdem sagten:

"Allah Kareem" ("Allah ist barmherzig").






Zitate:

"Im Fernsehen laufen syrische Sitcoms. Auf den syrischen Staatskanälen wird eine heile Welt inszeniert. Als würde nichts passieren" - S. 53

"'Wir fliehen selbst vor den Terroristen. Vor Assad vor allem. Er ist der größte Terrorist in meinen Augen.'" - S. 62

"Gibt man Liebe, schenkt man Anerkennung, so verdoppelt, verdreifacht, verzehnfacht sie sich. Sie wird mehr und niemals weniger." - S. 161

"Faris ist einer von ihnen. In Syrien war er Zahnarzt, nun ist er Flüchtling. Er ist nur Flüchtling und nichts anderes." - S. 170


Hier noch ein paar Zitate, die auch in diesem Buch zitiert werden:

"Wenn Leute kommen, auf einem brüchigen Boot, oder Schiffbrüchige, die im Meer herumtreiben, dann nimmst du ein Tuch und wickelst sie ein und rettest sie. Wenn du das nicht machst, dann verdienst du nicht, dass man dich als Mensch bezeichnet. So einfach ist das." - Yanis Varoufakis über die Flüchtlingssituation - https://www.facebook.com/ZeitimBild/videos/10153614998261878

"Ich muss ganz ehrlich sagen: Wenn wir jetzt anfangen, uns noch entschuldigen zu müssen dafür, dass wir in Notsituationen ein freundliches Gesicht zeigen, dann ist das nicht mein Land." - Dr. rer. nat. Angela Merkel, Reuters, 15. September 2015

"Wer immer noch glaubt, dass Menschen in einen überfüllten LKW steigen, um 140 Euro Taschengeld zu bekommen, will gar nichts anderes glauben." - Hatice Akyün, https://twitter.com/haticeakyuen/status/637164507828219904 (offenbar in Bezug auf dieses hier: klick - darüber sagten Rechte übrigens das hier: klick, aber wir haben natürlich kein Nazi-Problem)

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