15.02.2017

Buchempfehlung: "Antisemitismus und Islamophobie - ein Vergleich" von Dr. Sabine Schiffer und Constantin Wagner (mit wichtigen Links)



211 Seiten

Klappentext:

Erinnern alleine reicht nicht...

Auch so könnte man die Auseinandersetzung in diesem Buch überschreiben.

Denn offensichtlich verhindert die Erinnerungskultur um den Holocaust nicht, dass der Antisemitismus weiterlebt und neue Formen von Rassismus am Horizont aufscheinen. Etwa das Feindbild Islam. Immer wieder ergibt sich die Diskussion, ob die heute feststellbare Islamfeindlichkeit mit dem Antisemitismus früherer Zeiten vergleichbar sei. Meist aufgeregt und unsachlich kochen die Polemiken hoch. Natürlich kann es bei einem Vergleich dieser beiden Phänomene nicht darum gehen, den Holocaust und die Verbrechen des Nationalsozialismus in irgendeiner Form mit heutigen islamfeindlichen Tendenzen zu vergleichen. Wenn man aber davon ausgeht, dass die grausame Vernichtung von Juden während der Nazi-Zeit nicht ohne historisch-diskursive Vorläufer hätte stattfinden können, lohnt es sich, sowohl die lange Tradition des Antisemitismus vor der NS-Zeit zu analysieren als auch diesen - bereits relativ gut erforschten - rassistischen Diskurs als Ausgangspunkt zu nutzen, heutige Diskurse über "Andere" zu verstehen. Dieses Buch beginnt damit, systematisch Gemeinsamkeiten, als auch Spezifika von Antisemitismus und Islamophobie herauszuarbeiten.

Neben den historisch ausgerichteten Diskursanalysen beschäftigen sich die Autoren mit vielen aktuellen Diskussionen vor allem in Deutschland.

Auch die möglichen Wirkungen, die die immer aggressiver werdenden Verbalattacken auf einzelne Gruppenmitglieder haben, werden nicht ausgeklammert. Dabei gelingt es nachzuvollziehen, dass Zuspitzungen und Diskriminierungen sich nicht im luftleeren Raum entwickeln, sondern das Produkt eines komplexen Wechselspiels im täglichen Miteinander und den alles überlagernden öffentlichen Diskursen ist.

Die Autoren tragen eine Fülle von Material zu den Themen Antisemitismus, Islamfeindlichkeit, Rassismus, Gruppendynamik, diskriminierende Diskurse und Feindbilder zusammen.


Das sagt die Seite perlentaucher.de über die Autoren:

"Sabine Schiffer, geboren 1966 in Geilenkirchen, studierte Sprachwissenschaften, Wirtschaft, Politik und Islamwissenschaften in Erlangen und promovierte 2004 mit einer Arbeit zur Islamdarstellung in den Medien. 2005 gründete sie das Institut für Medienverantwortung Erlangen, dessen Leiterin sie seitdem ist." - perlentaucher.de

"Constantin Wagner, geboren 1985 geboren in Offenbach am Main, studierte Soziologie, Religionswissenschaft, Ethnologie und Politikwissenschaft in Frankfurt am Main. Seit 2008 freier Mitarbeiter des Instituts für Medienverantwortung in Erlangen." - perlentaucher.de


Meine Meinung:

Von der einen Autorin, Dr. Sabine Schiffer, habe ich schon öfters gehört. Sie ist seit sehr vielen Jahren engagiert gegen Muslimfeindschaft. Trotz Hetzkampagnen gegen ihre Person und Morddrohungen  - deutschlandradiokultur.de/morddrohungen-gibt-es-bei-uns-auch-regelmaessig und nrhz.de/flyer/beitrag.php?id=14113.

Dieses Buch ist eines meiner Lieblingsbücher.  Man bekommt Informationen über den Antisemitismus und seine Geschichte, und ohne beides gleichzusetzen, wird man über Parallelen zwischen ihm und der heutigen Islamophobie informiert.

Beispielsweise bekommt man Ansichten über das Thema "Quellenarbeit". Wenn heute Islamfeinde mit Stellen aus dem Koran herumwerfen, oder arabische Begriffe nennen, um besonders gebildet und kompetent zu wirken, erinnert das an das damalige Zitieren aus dem Talmud, dem Alten Testament, dem Halachot und anderen Werken, wie es zum Beispiel Eisenmenger und Rohling getan haben.


Unterwanderungs-Phantasien wurden zum Beispiel mit diesem Zitat aus dem 5. Buch Mose "belegt": "die Fremden magst du überwuchern, deinesgleichen nicht". Das erinnert an heutige Diskussionen über "Parallelgesellschaften". Auch die Täuschung, die man Muslimen heute unterstellt ("Taqiya" - klick), hat man früher Juden vorgeworfen. Die Autoren gehen sehr ausführlich auf das Thema "Quellenarbeit" ein. Auf S. 94 wird zum Beispiel erwähnt, dass die Hasser sogar auf das Kontext-Argument eingehen.

Es gibt außerdem interessante Beispiele für verzerrte Berichterstattung in den Medien. Zum Beispiel, wenn man "blutrünstigste Szenen mit muslimischen Gebetsszenen" zusammenschneidet, während man christliche Gottesdienste mit "grünen Hügellandschaften" schmückt. (S. 139)

Antisemitismus unter Muslimen wird auch intensiv thematisiert. So gibt es Beispiele für den Unterschied zwischen Kritik an Israel und Antisemitismus. Wenn ein israelischer Politiker in einer Zeichnung etwa eine Teufelsgabel trägt, die ganz klar an die Menora, also den jüdischen siebenarmigen Leuchter erinnert, dann ist das eine Anspielung auf die jüdische Religion und somit ganz klar antisemitisch. Die Autoren kritisieren die Selbstidealisierung von Muslimen, wenn es um dieses Thema geht, die sich darin zeigt, dass sie auf die Geschichte der Juden unter islamischer Herrschaft verweisen, obwohl diese laut dem US-amerikanischen Wissenschaftler Bernard Lewis tatsächlich alles andere als schlecht war. Ich stimme zu, dass man unbedingt den Antisemitismus unter Muslimen thematisieren sollte.

Kann man den Islam verteidigen, in dem man Koranverse rauskramt? Die Autoren sagen, dass es in der Diskurshierarchie angelegt ist, dass Verteidigung dem Angriff "immer unterlegen" ist. Verteidigung sei nicht notwendig, denn immerhin sind die jüdischen Texte, die damals von Antisemiten als "Beweise" rausgekramt wurden, seitdem nicht verändert worden - doch heute sind sie jedem egal.

Wenn ich sehe, dass man versucht, den Islam mithilfe von Stellen aus Quran und Sunna zu diffamieren, verteidige ich meine Religion gerne mit den selben Methoden - mit Quran und Sunna. Das werde ich weiterhin machen, doch die Autoren sind der Ansicht, dass das nicht unbedingt hilfreich ist. Zum einen, weil es dann sowieso nur "Takiya" heißt - und zum anderen, weil eine Relevanz der Quellen suggeriert wird, wenn man sie erwähnt, denn jedes Erwähnen ist eine Wiederholung und jede Wiederholung sorgt dafür, dass sich eine Aussage im Kopf verfestigt. Um das zu erklären nennen sie Beispielsätze wie "Der Autounfall hat nichts damit zu tun, dass eine Frau am Steuer saß". Ich persönlich kann da einen passenden Satz nennen, der das ganze noch mal verdeutlicht: Der Koran-Vers "Und tötet sie, wo immer ihr auf sie trefft" ist nicht Schuld am Attentat in Berlin. Stimmt. Aber durch so einen Satz gibt es eine Verbindung zwischen dem Attentat und dem Vers in unseren Köpfen.

Wenn man das aufkommende Feindbild China betrachtet, müsse man ja auch nicht vorher ein Sinologie-Studium ablegen, "um zu verstehen, wie ein solches Feindbild aufgebaut werden kann und wie dadurch unsere Wahrnehmung der Chinesen hier vor Ort sich verändern wird." (S. 166)

Die Autoren sagen aus, dass manche Themen sich mehr durch Soziologie und Psychologie erklären lassen als durch islamische Quellen. Ich finde diese Sichtweise sehr interessant.

Des weiteren wird erwähnt, dass Christen im Nahen Osten ignoriert werden, wenn man sie nicht instrumentalisieren kann, wie zum Beispiel die christlichen Palästinenser, die komplett ausgeblendet werden. Das normale Zusammenleben von beiden Religionsgemeinschaften sei erst durch kriegerische Interventionen von westlicher Seite gestört worden.

Die Autoren sehen auch Parallelen im Auflisten von "muslimischen" und "jüdischen" Vergehen. Wenn man mal auf islamfeindliche Blogs geht, sieht man ganze Akten von Verbrechen, die Muslime begangen haben sollen. (Meistens reicht es schon, dass ein Verbrecher ein südländisches Aussehen hat, um in die Schublade "Moslem" gesteckt zu werden. Sehr... intellektuell.) Das erinnert an die Ausstellung "Der ewige Jude" von 1938, für die ein Buch mit solchen Sammlungen von Hans Diebow herausgegeben wurde.

Obwohl die Autoren klar machen, dass man das nicht mit islamfeindlichen Blogs vergleichen kann, gibt es laut ihnen dennoch einige Parallelen, so zum Beispiel die Zitate aus dem Koran/aus der Tora, die lächerlich machenden Bezeichnungen wie "Musel"/"Wollschädel" und nicht zuletzt das Sammeln von Verbrechen "aus jeder Zeit und aus jedem Ort der Welt". Über Jahre hinweg ereignete einzelne Fälle suggerieren eine große Masse, wenn man sie so bewusst sammelt und zusammen auflistet - dabei muss ich sagen, dass man das theoretisch mit absolut allen Bevölkerungsgruppen machen kann. Ja! Ich lasse folgendes Zitat sprechen: "Die Menschen pflegen, vom Schicksal und durch eigene Sünden und Fehler in eine gewisse Lage gebracht – sei dieselbe auch noch so schief, sich immer eine Anschauung des Lebens zu bilden, die es ihnen ermöglicht, ihre Position für gut und achtungswert zu halten. Sie streben deshalb nach einem Gesellschaftskreis, in dem ihre Lebensauffassung eine allgemeine Anerkennung findet." - Leo Tolstoi (1828 - 1910)

Folgendes Zitat aus dem Buch erinnert mich auch an die heutige Vorgehensweise: "Dabei wird eine direkte Linie zwischen Beobachtungen aus dem Ghetto im Osten, jüdischen Viehhändlern in Deutschland bis hin zu Geschäftsleuten in den USA gezogen." (S. 168)


Must-Read-Links über das Buch, bzw. die Thematisierung des Themas durch Dr. Sabine Schiffer:



Mehr von Dr. Sabine Schiffer:



PS: Zum Thema Quellenarbeit wollte ich noch kurz erwähnen, dass der Antisemit Martin Luther auch betonte, er habe ja nichts gegen die Juden an sich, sondern nur gegen die Ideologie: "Luther betonte, er wolle nicht die Juden, nur ihre „Lügen“ - den jüdischen Glauben - angreifen." - www.maschiach.de/content/view/449/39




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