01.07.2017

Buchempfehlung: "Nujeen – Flucht in die Freiheit: Im Rollstuhl von Aleppo nach Deutschland" von Nujeen Mustafa und Christina Lamb



299 Seiten


Beschreibung bei Amazon:

Was bedeutet es wirklich, ein Flüchtling zu sein, durch den Krieg frühzeitig erwachsen werden zu müssen, die geliebte Heimat hinter sich zu lassen und vom Wohlwollen anderer abhängig zu sein? Die sechzehnjährige Nujeen erzählt, wie der syrische Krieg eine stolze Nation zerstört, Familien auseinander reißt und Menschen zur Flucht zwingt. In Nujeens Fall zu einer Reise durch neun Länder, in einem Rollstuhl. Doch es ist auch die Geschichte einer willensstarken jungen Frau, die in Aleppo durch eine Krankheit ans Haus gefesselt ist und sich mit amerikanischen Seifenopern Englisch beibringt, weil sie die starke Hoffnung auf ein besseres Leben hat. Eine Hoffnung, die sich nun vielleicht fern der Heimat in Deutschland erfüllen kann. Es ist die Geschichte von Flucht, dem Verlust der Heimat, die Geschichte unserer Zeit – erzählt von einer bemerkenswert tapferen Syrerin, die nie aufgehört hat, zu lächeln. „Wer würde dieses Mädchen nicht in seinem Land haben wollen?“ US TV-Moderator John Oliver über Nujeen


Meine Meinung:
"Das einzig Gute war, die Sterne wieder zu erleben. Sie und die wunderbare Stille. Die konnte selbst Assad nicht zerstören." (S. 86)

"'Eines Tages, in fünfzig oder in hundert Jahren, werden alle Bücher über unseren Krieg lesen', antwortete ich." (S. 89)

"Man kann sich kaum vorstellen, wie viele der Toten wir kannten, vor alle Nasrine [ihre Schwester]. Sie sagte ständig: "Ach, die oder den kannte ich." (S. 101)

Sie erzählt davon, wie sie sich darüber ärgert, dass sie und ihre Familie in die Stadt Manbidsch fahren, und wie sie dann erfährt, dass es in der Woche nach ihrer Abfahrt in Aleppo Fassbomben regnet. Durch das Assad-Regime.

Sie erzählt davon, wie ISIS/Daesh Köpfe neben eine Mülltonne im Ortszentrum legen. ("Wie können diese Menschen behaupten, sie seien für den Islam?" - S. 109)

Sie erzählt davon, wie einige Cousinen oder Nachbarn anfangen zu sagen, sie wünschten sich, die Revolution habe nie stattgefunden, und wie sie daraufhin erwidert: "Meint ihr, ihr wäret glücklicher, wenn ihr zehn Generationen lang von den Assads beherrscht werdet?" (S. 110).

Sie erzählt davon, wie sie bei Beginn ihrer Flucht flüstern muss: "Vergib uns, Syrien" (S. 121). Dieses Gefühl müssen viele Flüchtlinge haben... Ich glaube, ich hätte es auch gegenüber Deutschland. Das passt nicht wirklich ins Flüchtling-Klischee "Ab gehts nach Westeuropa, Leute! Jetzt gehts looooohooos!"

Sie erzählt davon, dass sie und ihr Volk einst stolze Syrer gewesen waren, "die Nachfahren einer uralten Kultur. Jetzt waren wir Flüchtlinge, ein Nichts" (S. 131).

Sie erzählt davon, dass ihr die 36. Sure des Korans, "Ya Sin", Trost schenkt. Sie ist gläubige Muslima.

Sie erzählt von der Flucht in die Freiheit. Insgesamt 5327 km. Von Syrien über die Türkei, Griechenland, Mazedonien, Serbien, Kroatien, Slowenien und Österreich nach Deutschland. Im Rollstuhl.

Sie erzählt von Gesprächen mit anderen Flüchtlingen während der "Reise". So erfährt ihre Schwester Nasrine beispielsweise von einer Jesidin, dass diese sich ihr Gesicht zerkratzt hat, um für die ISIS/den Daesh unattraktiv zu sein. Diese Jesidin hatte sich ihren Namen tättowiert als Identifikation für den Fall ihres Todes. Dann lernen sie eine Palästinenserfamilie kennen, die nun bereits zum zweiten Mal Flüchtling ist, nachdem sie bereits 1948 nach Syrien floh, weil jüdische Milizen ihr Dorf überfielen.

Sie erzählt von einer eintägigen Gefangenschaft in einem Lager. Da wurde ihr bewusst, wie wertvoll die Freiheit ist. Es war an diesem Tag, an dem sie verstand, "warum wir diese ganze Revolution begonnen hatten, obwohl Assad das Land durch seine Reaktion darauf in den Untergang führte" (S. 219-220).

Sie erzählt über ihre Eindrücke von Deutschland. Am schönsten findet sie, dass man hier spazieren gehen kann, ohne damit zu rechnen, am nächsten Tag tot zu sein. Hier gibt es keine Lebensgefahr durch Bomben, hier gibt es keine Panzer oder Armeen oder Terroristen. (Ich hoffe sehr, dass ich es genug wertschätze... Ich kann ruhig schlafen gehen... Und weiß: Nachts werden keine Bomben kommen... Ich will, dass kein Mensch auf der Welt diese Angst haben muss. Ich bin sehr stolz darauf, dass meine Kanzlerin Frau Dr. rer. nat. Angela Merkel diesen Schutz vielen Menschen ermöglicht hat.)

Sie erzählt von Terror in Europa. Im Fußballstadion. Im Bataclan-Theater. 130 Menschen in einer Nacht getötet - von ISIS/Daesh. Ihre Schwester sagte darüber das, was so viele Menschen, die ich kenne, sagten: "Diese Welt ist verrückt geworden" (S. 258). Und dazu: "Was sind das für Menschen, die glauben, wenn Leute in Syrien sterben, dann muss das auch in Paris so sein?" (S. 258).

Sie erzählt von der Sorge, dass sich solche Anschläge in Hass auf Flüchtlinge umwandeln. Immerhin fliehen die Flüchtlinge selbst vor genau so etwas.

Sie erzählt von der Silvesternacht in Köln und davon, dass solche Übergriffe "überall" [in ihrer Kultur] verurteilt werden. Passend dazu erwähnt sie, dass Flüchtlinge aus Syrien und Pakistan so entsetzt waren, sodass sie einen Brief an Frau Merkel schrieben (S. 269-270). "Das Problem ist, dass es gute Flüchtlinge gibt und schlechte [...]", so ihre Schwester (S. 269). (Aber sie erwähnt auch, dass es in einem Bericht des Oberstaatsanwalts Ulrich Bremer hieß, dass nur drei der Verhafteten Flüchtlinge waren.)

Sie erzählt darüber, wie sie in Deutschland endlich zur Schule gehen kann, denn das ging vorher nicht wegen ihrer Behinderung. Und auf ihre allererste Klassenreise. Doch als der Lehrer nach dem Ende der Reise meinte, nun würden alle wieder "nach Hause fahren", wurde sie traurig. Denn in ihre Heimat kann sie nicht zurückkehren.

Es wird nämlich immer schlimmer in Syrien, und sie kritisiert es, dass Assad von den Politikern weltweit nicht genug bekämpft wird, bzw. überhaupt nicht, da man sich offenbar an die Maxime "Lieber das Übel, das man kennt" hält und sich mit Assad offenbar oft einfach abfindet.

Nasreen ist Kurdin und hat deshalb am Anfang des Buches ein bisschen von ihrem Volk erzählt, was ich sehr interessant fand. Möge Allah سبحانه و تعالى die Türken und Kurden versöhnen! Wir Muslime müssen beginnen, uns zu allerallererst als "Muslim" zu definieren. Das wünsche ich mir sehr.


Kritikpunkte:

Auf Seite 285 erwähnt sie den Terroranschlag in München neben weiteren Terroranschlägen. Der Anschlag in München wurde allerdings nicht von einem Muslim begangen, sondern im Gegenteil von einem Muslim-Hasser, der speziell Muslime ermorden wollte und es auch schaffte. Das geht leider oft unter, da der Mörder ein Deutsch-Iraner war. Da ist man dann schon mal verständlicherweise verwirrt.

Mir gefällt es nicht, dass sie in Bezug auf Intoleranz behauptet: "Wir tragen nicht irgendwelche Daesch-Hijabs, sondern normale Jeans und Hemden" (S. 255).

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